Mittwoch, 18. Februar 2026

Wie erzeuge ich Noten-Großdrucke mit Musescore



Vom Ausgangsmaterial zur barrierearmen Partitur

Dieser Artikel beschreibt praxisnah, wie du aus den üblichen Ausgangsformaten — gescannte PDFs, digital‑born PDFs, MusicXML und MIDI — zu einer sauberen, für sehbehinderte Musiker*innen geeigneten Großdruck‑Partitur in MuseScore gelangst. Er enthält konkrete Werte für MSN/Großdruck‑Einstellungen, eine separate, detaillierte Anleitung für MIDI‑Importe und Hinweise zur Nachbearbeitung.


1. Formate, ihre Eigenschaften und typischer Nachbearbeitungsaufwand

  • Scan (gescannte PDF)
    Reines Pixelbild; keine semantische Noteninformation. OMR kann MusicXML erzeugen, ist aber fehleranfällig. Hoher Vor‑ und Nachbearbeitungsaufwand.

  • Digital‑born PDF
    Visuell sauberer (Vektorgrafik), stammt aus einem Notensatzprogramm. OMR‑Ergebnisse sind in der Regel besser als bei Scans, aber nicht automatisch fehlerfrei. Wenn möglich: direkt MusicXML vom Herausgeber anfordern.

  • MusicXML
    Semantisches Austauschformat; beschreibt Noten als Objekte (Tonhöhe, Dauer, Takt, Stimmen, Artikulationen, Texte). Ideal für Weiterbearbeitung.



  • MIDI
    Enthält zeitliche Ereignisse, Notenhöhen, Velocity sowie Meta‑Events wie Tempo und Taktart; Notensatzprogramme können daraus Takte rekonstruieren. MIDI liefert jedoch nicht die volle Notationssemantik (z. B. Stimmenzuweisung, Layout, Artikulationen) und erfordert oft Aufräumarbeit nach DAW‑Exporten.


2. Scans optimieren vor dem OMR‑Durchlauf

Ziel: die bestmögliche Eingangsqualität für OMR schaffen, damit die Nachbearbeitung in MuseScore minimiert wird.

  • Auflösung: 300–600 dpi (für feine Notation 400–600 dpi).
  • Farbmodus: Graustufen oder s/w; erhöhe Kontrast, entferne Farbrauschen.
  • Ausrichtung: Seiten gerade ausrichten; Kippungen korrigieren.
  • Ränder: Beschnitt entfernen; Seitenränder so wählen, dass Systemgrenzen klar sind.
  • Bildbearbeitung: leichte Schärfung, Kontrastanhebung, Flecken/Schlagschatten entfernen.
  • Seitenaufteilung: Mehrseitige Werke so scannen, dass Systeme nicht über zwei Seiten geteilt werden.

Nach dem OMR‑Export immer in MuseScore importieren und systematisch prüfen.


3. Digital‑born PDFs: wie viel Nachbearbeitung ist nötig?

  • Wenn das PDF direkt aus einem modernen Notensatzprogramm stammt, sind Zeichenformen und Vektoren sauberer — OMR‑Ergebnisse meist besser.
  • Unterschiede zwischen Programmen: Ein PDF‑Export aus MuseScore, Capella, Finale oder Sibelius ist ein visuelles Ergebnis; interne Layout‑Regeln und Notenkopfformen unterscheiden sich. Nur ein direkt exportiertes MusicXML garantiert semantische Austauschbarkeit.
  • Faustregel: Digital‑born → moderate Nachbearbeitung; Scan → umfangreiche Nachbearbeitung.

4. RNIB, MSN und MuseScore‑Integration

RNIB (Royal National Institute of Blind People) ist die große britische Organisation für blinde und sehbehinderte Menschen; sie hat Anforderungen an barrierearme Notenausgaben formuliert und mit MuseScore an MSN‑Styles gearbeitet. Die MSN‑Styles in MuseScore wurden in Zusammenarbeit mit RNIB entwickelt und sind seit einigen Jahren Teil der MuseScore‑Distribution; sie dienen als standardisierte Startpunkte für Großdruck und Modified Stave Notation.



MuseScore dokumentiert die Erstellung von Modified Stave Notation und bietet Handbuchseiten zu Custom Staff Types, die für MSN‑Anpassungen relevant sind.


5. MuseScore: Großdruck und MSN praktisch erzeugen

Voraussetzung: Du arbeitest in MuseScore mit einer bereinigten Notensatzdatei (MSCZ oder importiertes MusicXML/MIDI, bereits geprüft).

5.1 MSN‑Style laden (Schnellstart)

  1. Formatierung → Stil laden
  2. Wähle eine der eingebauten .mss‑Dateien aus dem Styles‑Ordner share/styles/Modified Stave Notation. Diese Dateien sind als Startpunkte gedacht.

MuseScore‑Konventionen und die MSN‑Style‑Dateien verwenden als Lesbarkeitsangabe meist die gesamte Stavenhöhe (5 Linien) in Millimetern. Das heißt: „16 mm“ steht für eine Stavenhöhe von 16 mm, nicht für den Abstand zwischen zwei Linien.

5.2 Grundskalierung und Seiteneinstellungen

  • Formatierung → SeiteneinstellungenSpatium (Stave space) erhöhen. Spatium ist der zentrale Hebel: viele Elemente skalieren proportional.
  • Seitenformat: A4 Portrait/Landscape je nach Systemdichte.
  • Seitenränder für Tablett-Nutzung möglichst verkleinern. 0,5 cm sind meist ausreichend, aber auf spezifischem Tablett, App testen.

5.3 Feineinstellungen im Stil

  • Formatierung → Stil → passe gezielt an:
  • Notenlinienstärke +30–50% 



  • Taktstrich‑Dicke angepasst (+20–50%),



  • Halsstärke


  • Balkenstärke,
  • Artikulationen


  • Text styles (z. B. Liedtext, Dynamik, Taktnummern)

    Liedtext: 14–18 pt; bei starker Sehbehinderung 18–22 pt. Verwende Regular oder Semibold, nicht Italic.
    Dynamik / Ausdruckszeichen: 12–18 pt; setze Semibold für bessere Erkennbarkeit.

  • MSN‑Styles setzen viele Werte bereits, aber kleine Nachkorrekturen sind normal.
  • Nicht alle Fonts skalieren gleich gut für Großdruck. Hier sind Lizenzfreie Fonts die sich eignen
    Verdana: Systemfont, frei nutzbar
    OpenSans: Open Font License (OFL) in PDFs einbettbar

5.3.1 So lädst du Open Sans von Google Fonts (kurze Anleitung)

  1. Öffne die Google‑Fonts‑Seite für Open Sans (Google Fonts).

  2. Wähle die gewünschten Schriftschnitte (z. B. Regular, Semibold, Bold) oder die Variable‑Font‑Version.

  3. Klicke auf Download family (Familie herunterladen). Die ZIP‑Datei enthält die TTF/OTF‑Dateien.

  4. Installiere die Schrift systemweit (Windows: Rechtsklick → Installieren; macOS: Font Book → Installieren).

  5. MuseScore neu starten, damit die Schrift in der Font‑Liste erscheint.

5.4 Manuelle Korrekturen

  • System‑ und Seitenumbrüche prüfen und ggf. manuell setzen.
  • Texte, Slurs, Artikulationen und Wiederholungszeichen auf Kollisionen prüfen.
  • Stimmenzuweisungen, Ligaturen und Balkenbildung kontrollieren.

5.5 Export

  • Speichere als MSCZ (Masterdatei).
  • Exportiere als PDF für Druck und Tablettgebrauch; optional als MusicXML für Austausch.

5.6 Bookmarks für Tablett-Gebrauch

Ohne Bookmarks ist ein längere PDF Datei besonders für Sehbehinderte nicht  navigierbar.
  • Exportiere aus MuseScore als PDF.

  • Öffne das PDF in einem PDF‑Editor (z. B. Foxit-PDF Reader, PDF‑XChange Editor, PDF Expert, Xodo).

  • Navigiere zu jeder Seite/Position, die ein Bookmark bekommen soll.

  • Neues Lesezeichen hinzufügen: Titel vergeben (z. B. „Movement I – S.1“) und Ziel auf die exakte Seite/Position setzen.

  • Bookmarks hierarchisch anordnen (z. B. Movement → Abschnitt → Einsatz).

  • PDF speichern (Bookmarks sind Teil der PDF‑Struktur).

  • Muss man das ganze mehrfach wiederholen ist es sinnvoll, die Bookmarks abzupeichern, und bei einer neuen Version wieder zu importieren PDF Lesezeichen Editor - einfach, online, kostenlos - PDF24

  • Tools wie pdftk/qpdf/pdf-bookmarkr können über Automatisierungen möglich machen, will man diese direkt aus dem MusicXML exportieren müssen Tags mit Abschnittsbezeichungen, Unterabschnittsbezeichnungen und/oder Übemerken sinnvoll mit Direktiven befüllt sein.


6. Konkrete Zahlenwerte und Empfehlungen für MSN / Großdruck

Element Empfohlenes Spatium Notenkopf Skalierung Textgröße Kurzbemerkung
Kompakte Großdruck (Chor) 3.5 mm 140% 14 pt für moderate Vergrößerung
Standard MSN (Allgemein) 4.5 mm 160% 16 pt guter Kompromiss Lesbarkeit/Layout
Großdruck stark (stark sehbehindert) 5.5–6.0 mm 180–200% 18–22 pt mehrseitige Ausgabe, größere Systeme
Notenlinienstärke Linienstärke +30–50% gegenüber Default
Vorzeichen / Schlüssel Schlüssel und Vorzeichen +20–40% Skalierung

Hinweise zur Anwendung der Werte

  • Spatium in MuseScore ist der wichtigste Parameter; erhöhe es schrittweise und prüfe Seitenumbruch und Systemdichte.
  • Notenkopf Skalierung: in Format → Stil oder per Custom Staff Type anpassen.
  • Textgrößen: Liedtext 14–22 pt je nach Zielgruppe; Dynamik und Artikulationen proportional vergrößern.
  • Linienstärken: erhöhe Taktstrich‑ und Notenlinienstärke, damit Kontraste besser lesbar sind.
  • Werte sind Richtwerte; immer mit einer Probeausdruckseite testen.

7. MIDI‑Import: separate, detaillierte Anleitung

Kurz: MIDI enthält Time Signature‑Events und Tempo, daher können Takte rekonstruiert werden. MIDI liefert aber keine vollständige Notationssemantik; DAW‑Exporte erzeugen oft viele Spuren, Quantisierungsartefakte und fehlende Notationskonventionen.

7.1 Vor dem Import in MuseScore (in der DAW)

  • Spuren bereinigen: Entferne unnötige Controller‑Spuren, Click‑Spuren, Automation‑Spuren.
  • Kanal‑Aufräumen: Weise Instrumente sinnvoll Kanälen zu; konsolidiere Begleitspuren, wenn möglich.
  • Quantisierung: In der DAW grob quantisieren (z. B. 1/16 oder 1/32), aber nicht über‑quantisieren — zu starke Quantisierung kann Notationsartefakte erzeugen.

7.2 Import in MuseScore

  1. Datei → Öffnen → MIDI auswählen. MuseScore erzeugt Takte basierend auf Time Signature‑Events.
  2. Importdialog beachten: MuseScore bietet Optionen zur Zusammenführung von Spuren und zur Erkennung von Stimmen; wähle sinnvolle Defaults.
  3. Spuren bereinigen: Lösche überflüssige Instrumentenspuren; benenne verbleibende Spuren sinnvoll.
  4. Stimmenaufteilung: Polyphone Spuren in separate Stimmen aufteilen (z. B. Sopran/Alt/Tenor/Bass) oder zu Akkorden zusammenfassen.
  5. Quantisierungsfeinheit: In MuseScore verschobene Noten mit Bearbeiten → Notenwerte → Quantisieren auf sinnvolle Werte bringen; typische Quantisierungswerte: 1/8, 1/16, 1/32 je nach Stil.
  6. Taktprüfung: Kontrolliere Taktzählung und Taktarten; korrigiere Time Signature‑Fehler.
  7. Notationsdetails ergänzen: Artikulationen, Dynamik, Phrasierungen, Wiederholungen, Liedtexte manuell ergänzen.
  8. Playback prüfen: Hörprobe machen, um falsch platzierte Noten oder fehlende Phrasierungen zu erkennen.
  9. Speichern: Als MSCZ; optional exportieren als MusicXML.

7.3 Typische Probleme und Lösungen

  • Viele kleine Spuren: Spuren zusammenführen; ähnliche Instrumente in einer Partiturstimme zusammenfassen.
  • Unnatürliche Balkenbildung: Manuelle Balken‑/Stem‑Korrektur.
  • Fehlende Stimmenlogik: Stimmen manuell zuweisen; bei Chorpartituren S/A/T/B‑Aufteilung prüfen.
  • Quantisierungsartefakte: Rückgängig machen und mit feineren Quantisierungswerten arbeiten.

8. Praxisbeispiele und Workflow‑Tipps

  • Wenn möglich, MusicXML anfordern statt PDF; das spart viel Nacharbeit.
  • OMR nur als letzte Option für gescannte Materialien; plane Zeit für Korrekturen ein.
  • MSN‑Styles als Startpunkt verwenden, aber immer individuell an Werk und Zielgruppe anpassen.
  • angepasste MSN-Styles sichern: z.B. Barbara_MSN.mss
  • Probedruck: Drucke eine Beispielseite in der Zielgröße, bevor du das gesamte Werk exportierst.
  • Versionierung: Speichere eine Master‑MSCZ und exportiere Varianten (z. B. A4/A3, Landscape/Portrait).


9. OMR Tools

Kurzüberblick: OMR-Tools variieren stark; digital-born PDFs werden generell besser erkannt als Scans. Kommerzielle Produkte liefern meist die besten Ergebnisse; Open-Source-Tools sind kostenlos, erfordern aber mehr Nachbearbeitung.

Tool Digital-born PDF Handling Kosten Community-Bewertung (Kurz)
PhotoScore & NotateMe Sehr gut; Profi-Features für komplexe Partituren Kommerziell; Einmalkauf / Abo möglich Hohe Bewertung bei Profis
ScanScore / SmartScore / capella-scan Gute Ergebnisse mit digital-born PDFs; benutzerfreundliche Editoren Kommerziell; Editionen Home/Pro Solide Bewertungen, gut für Chor/Ensemble
PlayScore / Melogen AI (Web) Schnell; oft gute Ergebnisse bei klaren digital-born PDFs Abo oder Pay-per-use Wachsende Beliebtheit; praktisch für schnelle Konvertierungen
Audiveris (Open Source) Akzeptabel bei sauberem digital-born PDF; erfordert Nachbearbeitung Kostenlos (Open Source) Gute Community-Unterstützung; technisch versierte Nutzer,
Projekt allerdings nicht mehr gepflegt
Hinweis Digital-born PDFs werden generell besser erkannt; MusicXML ist vorzuziehen Qualität hängt von PDF-Quelle und Nachbearbeitung ab

Audiforge - PDF to MusicXML Converter 


10. Kauf von digitalen Downloads und der Zwang 5 Kopien zu kaufen

Warum die Mehrzahl der Anbieter eine Mindestanzahl verlangen (z. B. „mindestens 5 Kopien“) bei Chorsätzen

  • Lizenzmodelle für Ensembles/Institutionen: Verlage verkaufen oft Mehrplatz‑Lizenzen für Chöre, Schulen oder Kirchen, weil eine einzelne Lizenz nicht die Nutzung durch mehrere Personen abdeckt.

  • Schutz vor Weitergabe: Mindestabnahmen sollen verhindern, dass eine einzelne digitale Datei unkontrolliert an viele Nutzer verteilt wird.

  • Verwaltungsvereinfachung: Für Verlage ist es administrativ einfacher, Paketlizenzen an Institutionen zu verkaufen als viele Einzelkäufe zu verwalten.

Diese Regeln sind Geschäftsentscheidungen, nicht technische Notwendigkeiten; sie dienen dem Schutz von Umsatz und Urheberrechten.

Das Problem für Sehbehinderte, die auf so einem digital-born PDF Vergrößerungen für sich erzeugen möchten, das sie eben nicht zu fünft in Chören auftreten sondern bestenfalls Einzeln. Und die anderen Sänger benutzen immer noch Papier.

Hier ein konkretes Beispiel wie hoch die Download-Verhinderungs-und-Strafgebühren ausfüllen. Für eine sehbehinderte Dame möchte ich Bob Chilcotts little Jazz Mass für SATB von einem gekauften und damit digital-born PDF mittels OMR vergrößern.
In Papier darf ich für 15,29€ ein einzelnes Papier Heftchen kaufen, scanne ich das und ist das Ergebnis viel schlechter und erfordert mehrere Stunden Arbeit der Nachbesserung.
Eine digitaler Download kostet beim deutschen Distributor von Oxford University Press (OUP), alle-noten.de, 16,29€ ich muss allerdings mindestens 5 Stücke kaufen, auch wenn die Dame eine Singularität ist und andere Tablet-Benutzer auch noch ein eher rares Vorkommen sind. Ich kann diese 4 überflüssigen Kopien auch nicht gebraucht weiter verkaufen. Die Download-Verhinderungs-und-Strafgebühr beläuft sich für diese konkrete Note auf 80,95€ - 15,29€ = 65,66€ für.... wie war das noch gleich -  Verwaltungsvereinfachung und Schutz vor Weitergabe.
A Little Jazz Mass (Bob Chilcott) » Noten für gemischten Chor
A Little Jazz Mass (Download) » Noten für gemischten Chor


Und es trifft insbesondere Sehbehinderte besonders hart. Hier hat offensichtlich die Politik versagt, oder gibts dafür eine andere Erklärung?
 
Dieser Zwang zum Kauf von mindestens 5 Lizenzen gilt für alle ... nicht US-amerikanischen Distributoren des Verlags OUP - zum Vergleich: A Little Jazz Mass by Bob Chilcott - Choir, Voice, 4-Part - Digital Sheet Music | Sheet Music Plus

Institutionelle Lizenzen

  • Schulen, Kirchen, Vereine oder Chöre können Institutional‑ oder Site‑Lizenzen verhandeln; Hier wäre ein denkbarer Ansatz, das Institutionen wie "dzb lesen" Einzellizenzen für den Transkriptionsservice zu sehbehinderten Kunden durchzureichen und als Bundle ein OMR Export nach MusicXML und optional ein Grossdruck auf Papier. Tabletnutzer können mit Musescore ihr Großdruck-PDF selbst exportieren und Feinanpassungen noch vornehmen.

Notenshops, die keinen 5-Kopien-Zwang ausüben